Solidaritätsanlass IWS Bundesplatz Bern 17.06.2018

 

Ihr seid Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit unseren Vätern
schloss, als er zu Abraham sprach: »Und in deinem Samen sollen gesegnet werden
alle Geschlechter der Erde«. (Die Bibel, Apostelgeschichte 3,25)

 

Ansprache Solidaritätsanlass auf dem Bundesplatz, 17. Juni 2018

Liebe versammelte Festgemeinde

Weshalb haben wir uns als Christen heute in Bern auf dem Bundesplatz eingefunden zu diesem „Solidaritätsanlass mit unseren jüdischen Mitbürgern und dem Staat Israel“, wie auf dem Einladungsflyer zu lesen ist? Inwiefern betrifft uns hier in der Schweiz der 70. Geburtstag Israels? Ich sehe einen doppelten Grund:

Erstens gibt es kein Christentum ohne Judentum, kein Neues Testament ohne Tanach. Die Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk ist die Wurzel und der Baumstamm, von dem wir sozusagen als Äste aus den Nationen profitieren dürfen, um das Bild des Ölbaums von Paulus (in Römer 11) aufzugreifen. Die Geschichte der Juden ist die Wurzel der Geschichte von uns Christen, wir sind in dieser jüdisch-christlichen Geschichte verbunden. Das ist ein ganz grundsätzlicher Anlass für den heutigen Tag.

Und dann gibt es einen spezifischen Grund: Die Geschichte des modernen Israels ist existentiell mit der Schweiz verbunden. „In Basel habe ich den Judenstaat gegründet“, vermerkte Herzl in seinem Tagebuch nach dem ersten Zionistenkongress in Basel im Jahr 1897. Das Basler Programm, welches als Ziel die „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina“ formulierte, diente als Richtungspapier der zionistischen Bewegung.

Bezeichnend: Während des ersten Zionistenkongresses sassen Christen in der ersten Reihe auf den besten Plätzen als geladene Gäste. So z. B. Paul Kober, der mit seinem Verlag publizistisch zionistische Ideen unterstützte. Er hatte eine Tochter von Samuel Gobat geheiratet, diesem Schweizer aus der Romandie, der zum anglikanischen Bischof in Jerusalem ernannt wurde. Es gibt da sehr interessante Bezüge zwischen Schweizer Christen und den Zionisten. Im Umfeld von Christian Friedrich Spittler und der Basler Christentumsgesellschaft erwarteten Christen die Wiederherstellung des jüdischen Staates. Moralisch fühlte sich Herzl von diesen Christen unterstützt und in seinem Anliegen verstanden. Herzl erwähnte am Ende des ersten Zionistenkongresses auch Henry Dunant dankend, den Gründer des Roten Kreuzes, der sich schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts für eine Ansiedlung von Juden in Palästina einsetzte.

Die Beziehung Herzls zu Christen ist ja sowieso interessant, besonders faszinierend seine langjährige Freundschaft mit dem anglikanischen Pfarrer William Hechler. Und genau diese Bezüge zwischen der Bewegung Herzls und Christen spielte auch hier in der Schweiz. Neben dem bereits erwähnten Paul Kober sass auch Bernhard Collin-Bernoulli, der in Basel den Consumverein, heute Coop, gründete. Dies können Sie alles nachlesen im Buch „Israel entstand in Basel“ von Pierre Heumann, besonders im Kapitel „Christen machen sich für Erez Israel stark“. Nun, was ich sagen möchte: Christen aus der Schweiz waren damals in der Geburtsstunde des Basler Programmes mit dabei. Die Schweiz wurde ein Stück zur Wiege des jüdischen Staates.

Nicht zufällig verlas David Ben Gurion vor 70 Jahren, am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel vor dem Portrait Herzls. Er brachte damit zum Ausdruck: Wir stehen auf den Schultern dieser ersten Generation von Zionisten. In den 50 Jahren dazwischen geschah bekanntlich das Unergründliche, Schreckliche, der Versuch der totalen Auslöschung des Judentums durch die Nazis.

Mich erinnert diese Abfolge von zwei Generationen an die im Esra-Nehemia-Buch geschilderten Geschehnisse. Auch nach dem Babylonischen Exil fand die Wiederherstellung Israels in zwei Generationen statt. Auf die erste Generation, die unter Jeschua und Serubbabel den Tempel wieder aufbaute, folgten einige Jahrzehnte später Esra und Nehemia und führten die Restauration weiter. Bezeichnend: Folgt man den Datierungsangaben im Buch Ester, dann fand genau zwischen den beiden Rückkehrgenerationen der Versuch der totalen Ausrottung des jüdischen Volkes durch Haman, den archetypischen Antisemiten, statt. Und nun folgt die Wiederherstellung Israels im 20. Jh. einem ähnlichen Muster: Die Herzl-Generation, 50 Jahre später Ben Gurions Zeit und dazwischen die  Verfolgung.

Ben Gurion liest im Mai 1948 vor dem Portrait Herzls und bringt damit die beiden Generationen der Wiederherstellung zum Ausdruck. Nun befinden wir uns 70 Jahre nach der Unabhängigkeit Israels, wir feiern Geburtstag und denken an die Anfänge zurück. Seit 70 Jahren können Juden aus dem weltweiten Exil nach Hause kommen in ihren Staat, auf dem Gebiet, wo einst David als König regierte, in dem Gebiet, das schon Abraham als Land verheissen wurde. Es war ein Abenteuer von Anfang an. Am Tag nach Verlesung der Unabhängigkeitserklärung wurde der frischgeborene Staat von fünf Armeen angegriffen. Was Ben Gurion am 25. Juni 1956 vor der Suezkrise sagte, hat seine Gültigkeit für die gesamten 70 Jahre: „Wir lassen uns da auf ein ziemlich gefährliches Abenteuer ein, aber was können wir machen? Unser ganzes Dasein ist solch ein Abenteuer.“ (Michael Bar-Zohar: David Ben Gurion, S. 328.)

Die Wiederherstellung von Israel ist und bleibt ein Abenteuer. Das war so während der 70 Jahre, denken wir alle militärischen Konflikte, alle wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Herausforderungen usw. Doch wir möchten das jüdische Volk und Israel heute für dieses Abenteuer segnen. Wir sehen dahinter Gottes Heilshandeln mit den Völkern. Wie er mit dem jüdischen Volk handelt, dient im Endeffekt dem Segen für alle Nationen, wie bereits Abraham verheissen wurde (denken wir an 1. Mose 12). Es ist Gottes Heilshandeln für alle: Für die Juden, Araber und alle Nationen.

Dazu habe ich eine Anfrage: Wo sind die Christen in der Schweiz heute, welche zu Israel stehen, weil sie darin ein Heilshandeln Gottes erkennen? Eine Antwort: Wir sind hier, diese Versammlung heute dient genau diesem Zweck. Wir möchten es uns vornehmen, uns wie Christen damals zu Israel zu stellen. Um das auszudrücken, sind wir hier heute zusammengekommen. Doch gleichzeitig ist es uns auch ein Anliegen, dass dieses Stehen zum jüdischen Volk und zu Israel in unserem Land zunimmt. Es gibt diese Verbindung zwischen unseren zwei Nationen von Anfang an, wie ich am Beispiel des ersten Zionistenkongresses aufzeigte, und darauf möchten wir uns wieder neu besinnen.

„Christen segnen Israel zum 70. Geburtstag“, heisst es auf dem Einladungsflyer. Womit sollen wir heute Israel segnen? Wie können wir das besser tun als mit Worten aus dem Tanach? Ben Gurion hatte auf seinem  Schreibtisch in seinem Haus in Sde Boker vier Schriftstellen aus dem Propheten Jesaja liegen, die mit der Wiederherstellung Israels zu tun hatten, mit dem Fruchtbarwerden der Wüste. Ganz praktisch bezog er sie auf die Urbarmachung des Negev. Offensichtlich haben ihn diese Jesajatexte ermutigt, ich habe sie einmal abgeschrieben, als ich sein Haus und Büro besuchte. Ich möchte das jüdische Volk und Israel heute mit diesen Worten segnen. Ich lese diese vier Zusagen der Wiederherstellung nach der Einheitsübersetzung und schliesse damit:

 

Jesaja 35,1.6-9: Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. … 6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fliessen in der Steppe. 7 Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen. An dem Ort, wo jetzt die Schakale sich lagern, gibt es dann Gras, Schilfrohr und Binsen. 8 Eine Strasse wird es dort geben; man nennt sie den Heiligen Weg. Kein Unreiner darf ihn betreten. Er gehört dem, der auf ihm geht. Unerfahrene gehen nicht mehr in die Irre.  9 Es wird keinen Löwen dort geben, kein Raubtier betritt diesen Weg, keines von ihnen ist hier zu finden. Dort gehen nur die Erlösten.

Jesaja 41,19:  In der Wüste pflanze ich Zedern, Akazien, Ölbäume und Myrten. In der Steppe setze ich Zypressen, Platanen und auch Eschen.

Jesaja 43,19-20: 19 Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Strassen durch die Wüste. 20 Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strausse, denn ich lasse in der Steppe Wasser fliessen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.

Jesaja 51,3: Denn der Herr hat Erbarmen mit Zion, er hat Erbarmen mit all seinen Ruinen. Seine Wüste macht er wie Eden, seine Öde wie den Garten des Herrn. Freude und Fröhlichkeit findet man dort, Lobpreis und den Klang von Liedern.

Mit diesen Zusagen segnen wir Israel und das jüdische Volk.

 

Thomas Bänziger, Pfr. Dr. theol., Stiftung Schleife

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